Genex Teil 2: 32b-Passat von 1987

  • Nach der Vorstellung des Genex-Golfes kann der Wunsch auf, ich solle hier auch meinen 32b-Genex-Passat vorstellen. Das will ich gerne tun.


    Auch dieser Kauf resultierte aus dem Besuch der "Westautos in der DDR"-Ausstellung in Chemnitz im vergangenen Winter und der darauf folgenden Suche nach entsprechenden Fahrzeugen. Vorteilhaft im Bezug auf das VW-Segment ist hier die eingeschränkte Auswahl an verfügbaren Modellvarianten. Im Falle des 32b-Passates nämlich genau eine: Die Stufenheckvariante mit der 5-Zylinder-Spitzenmotorisierung (!!) aber ohne weitere Sonderausstattungen in den Farben alpinweiß, gambiarot, nevadabeige und marineblau (also wie beim Golf). Mit den entsprechenden 115 PS King of the Road auf DDR-Autobahnen und selbst als absolutes Magermodell in Sachen Ausstattung für die DDR ein Luxusgefährt.
    Mit diesen Modell-Parametern ließ sich in den Online-Portalen recht gut suchen..und im März begegnete mir das Angebot für einen 1987er Passat in gambiarot, auf den alle diese Details zutrafen, der aber im hessischen annonciert war und der merkwürdigerweise auf den Fotos ein DIN-Kennzeichen mit "L" trug..


    Ich vermutete also ein Leipziger Fahrzeug und schrieb den Verkäufer an, der mir direkt bestätigte, dass ich in Sachen Genex ins Schwarze getroffen habe, das L aber für den Lahn-Dill-Kreis stünde, in dem das Fahrzeug seit Anfang 1990 (immer noch in erster Hand!) zugelassen sei. Er verkaufe den Wagen für seinen 87jährigen Schwiegervater, der nun nicht mehr fahren wolle...und sei froh, dass sich ausser diversen afrikanischen Aufkäufern noch jemand gemeldet habe.


    Nach kurzem Telefongespräch war klar: Wir werden uns einig und ich reiste per Zug nach Hessen.
    Dort hatte sich die gesamte Familie versammelt, die sich von dem Passat verabschieden wollte und bei Kaffee und Kuchen gab es eine deutsch-deutsche Geschichtsstunde der ganz besonderen Art.


    Der Erstbesitzer und seine Frau, beide aus Greifswald stammend, sind promovierte Kunsthistoriker und Autoren vieler Fachbücher. Ihnen gelang es, aus einer Erbschaft in den 1970er Jahren ein Devisenkonto in der BRD aufzubauen. Nachdem Tochter und Schwiegersohn Ende der 1970er Jahre in die BRD ausreisen durften, konnten von diesem Konto viele Bedarfe des täglichen Lebens und auch der eine oder andere Luxusartikel über die Genex in die DDR versandt werden.
    Aufgrund der Ausreise der Kinder und dieser "Westkontakte" war an eine universitäre Karriere nicht mehr zu denken, dennoch war genügend fachliches Rennomee vorhanden, um als Autoren kunstwissenschaftlicher Fachbücher über die Runden zu kommen.
    In diese Situation hinein wurde nach der Lektüre von "eingeschmuggelten" VW-Prospekten dann 1987 der Passat bestellt und am 17. Juni 1987 dann in Berlin im IFA-Vertrieb ausgeliefert. Bestellt in alpinweiß, waren dann aber nur rote Passate zu bekommen, man entschied sich kurzfristig um.
    In der Folge war der Passat im Bezirk Rostock recht schnell bekannt. "Anderswo wussten wir, dass wir die schnellsten sind und uns im Zweifel niemand folgen kann...", beschrieb der Erstbesitzer das Verkehrsverhalten jener Zeit und berichtet von Fachtagungen in der gesamten DDR, wo der Passat natürlich umlagert wurde.
    Im November 1989 kam die Wende und für einige Wochen war unklar, wie dauerhaft die Veränderungen in der DDR sein würden. Daher wurde der Plan geschmiedet, noch vor Weihnachten bei Nacht und Nebel die DDR für immer zu verlassen. Die im Westen lebenden Kinder kamen mit einem Miet-LKW nach Greifswald, Mobiliar und Bücher wurden verpackt und im Konvoi ging es nach Hessen, wo der Passat im Januar 1990 seine West-Zulassung und noch ein "L" bekam, lange bevor dieses Kürzel für Leipzig freigemacht wurde.
    Der Passat war nun das Fahrzeug für die Erfüllung aller Träume und wurde für viele Urlaubsreisen zu den Kunstschätzen Italiens genutzt, die vorher verschlossen waren. Erst nach 2010 wurden diese Reisen dann per Flugzeug angetreten und nach einer Parkplatzkollision mit einem Außenspiegel im Sommer 2012 der Entschluss gefasst, nicht mehr zu fahren.


    Umso mehr war nun die Freude groß, das Auto an einen Berufskollegen und Sammler abgeben zu können, und auch der Wunsch nach Dokumenten und Dokumentation wurde gern erfüllt. Familienfotoalben herbeigeschafft, um nach Bildern mit den Passat zu suchen, alle Serviceunterlagen bis hin zum Genex-Abholbescheid inklusive des originalen Briefumschlages (mit handschriftlich notierter Abholzeit in Berlin!) wurden übergeben. Die Familienfotos durfte ich abfotografieren. Der gesamten Familie wurde erkennbar das Herz schwer, als ich schließlich mit dem Passat gen Norden aufbrach.


    Dort ist der Passat inzwischen in die DDR-Fahrzeugsammlung eingezogen und hat ein Replikat seines originalen DDR-Kennzeichens erhalten.
    Die kommenden vier Jahre bis zum 30. wird er nur für Treffen und kurze Ausfahrten seine Garage verlassen und ansonsten mit den Spuren der Jahre erhalten (einige kleine Schrammen, wie bei Rentnerfahrzeugen eben üblich..
    Anbei einige Fotos aus dem Familienalbum und vom aktuellen Stand.